Mittwoch, 25. Oktober 2017

Kindheitserinnerungen

Ich habe meine Kinderfotos über Jahre, ja Jahrzehnte gemieden. Ich konnte sie mir einfach nicht anschauen. Irgendetwas blockierte mich. Ich ging sogar soweit, meiner Schwägerin eine Präsentation mit diesen Fotos auf meiner Hochzeit zu verbieten. 

Gestern habe ich mich zum ersten Mal an diese Bilder herangetraut. Zusammen mit meiner Therapeutin. Und es war gut, dass ich dabei nicht alleine war.

Es war merkwürdig, mich als kleines Mädchen zu sehen. Wir fröhlich ich auf all diesen Bildern aussehe. Und wie wenig ich mich an diese glücklichen Momente erinnern kann. In meiner Erinnerung gibt es nur Schmerz, Zurückweisung, Einsamkeit. Aber auch das meist nur losgelöst von konkreten Erinnerungen. Ich erkenne Dinge wieder, Menschen, Häuser. Aber da stecken keine Geschichten dahinter. Kein „Ach ja, das war an dem Tag und da haben wir das und das erlebt.“
Und ich war schlank. Viel schlanker als ich mich in Erinnerung hatte. Und als ich von meinem Umfeld wahrgenommen wurde. Wieso wurde ich als fett beschimpft, obwohl ich es nicht war? Nur, weil ich keinen Spaß am Sport hatte?

Schwer war es auch, die Fotos von und mit meiner Mutter zu sehen. Sie wirkt auf allen Bilder so traurig. Sie hat so wenig aus sich gemacht. Ihr Gewicht schwankte ständig. Bis sie irgendwann schlagartig anfing, sich auffälliger zu kleiden und zu schminken. Und auch an die „frühe“ Version meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern. Sie ist wie ausgeblendet. Bis auf ein paar Fotos aus dem Sommer kurz bevor sie bei uns auszog. Auf denen erkannte ich sie wieder. 

Natürlich kann sich niemand an alle Details aus seiner Kindheit erinnern. Aber es kommt mir vor, als wäre in meinem Kopf eine verschlossene Tür, hinter der sich Dinge verbergen, die ich nicht sehen soll. Als würde ich mich vor mir selbst schützen wollen. Ich spürte so gar keinen Bezug zu den Bildern. Als würde ich mir das Album einer Fremden ansehen. Als wäre das nicht ich. Eher als würde ich Szenen aus einer Fernsehserie betrachten und nacherzählen. Distanziert. 
Ich bringe die Fotos nicht mit meinem Leben zusammen. Nicht mit dem Bild, das ich von meinem Leben habe. War ich wirklich mal so fröhlich? Wann hat das aufgehört? Wann war das Lächeln nur noch Fassade? Habe ich schon in der Grundschulzeit mein richtiges Lächeln gegen ein gespieltes getauscht? Hat all die Ablehnung, die Einsamkeit, die Gefühlskälte meiner Mutter und Großeltern so viel schwerer gewogen und mir die Fröhlichkeit ausgesaugt? 

Wir sind gestern nicht mit allen Bildern fertig geworden. In der nächsten Sitzung geht es weiter. Meine Teenager-Zeit wartet noch auf uns. Ob mir diese Bilder noch mehr Rätsel aufgeben werden?

Aber eines habe ich gestern verstanden als ich auf den Bildern sah wie viel Spielzeug wir schon damals hatten. Wie übertrieben unsere Weihnachtsgeschenke waren. Materiell hat es uns nie an etwas gefehlt – meinem Bruder und mir. Playmobil, Lego, Steiff-Tiere, Barbies, später Walkman und sogar ein Fernseher. Geschenke gegen emotionale Kälte. Ein Muster, das ich bis heute beibehalte: Geht es mir schlecht, gehe ich shoppen. Ich habe ja früh gelernt, dass man mit Materiellem alles ausgleichen kann. Vielleicht gelingt mir ja jetzt zumindest hier eine Verhaltensänderung.

Ich bin gespannt, was meine Therapeutin und ich noch ableiten können. Und ob es mir hilft, mit meiner Vergangenheit endlich Frieden zu schließen. Es wäre an der Zeit.

Alles Liebe
Anni