Dienstag, 29. August 2017

Musik und ich

Meine Kindheit war voller Musik. Irgendwo lief immer ein Radio. Und dann gab es die Plattensammlungen meiner Eltern – Beatles, Stones, Eagles, Deep Purple, Genesis, Dire Straits, Westernhagen, Grönemeyer. Ich erinnere mich an ganze Nachmittage, die mein Bruder und ich vor dem Plattenspieler im Wohnzimmer verbrachten, uns die Platten anhörten und uns Mixtapes zusammenstellten. Oder an eine Musik-Quizsendung sonntagabends im Radio, die wir alle zusammen im Bett meiner Eltern hörten und kräftig mitrieten. Später die ersten eigenen Musikkassetten – Genesis und Phil Collins – die erste eigene kleine Anlage. Playback vor dem Kleiderschrankspiegel mit einer Bürste als Mikro in der Hand. Formel Eins und Live Aid im Fernsehen. 

Und auch später lief bei mir immer Musik – während der Hausaufgaben, beim Lesen, mit dem Walkman während langer Autofahrten. Mit 14 kaufte ich mir eine Gitarre und nahm Unterricht. Mit dem Einzug von MTV in unsere Wohnung erschlossen sich mir musikalisch ganz neue Welten. Blur, Oasis, Pulp, Manic Street Preachers, Travis. Meine Jugend stand im Zeichen von Britpop – Musik, die damals in meinem Umfeld außer mir niemand hörte. Ich ging auf erste Konzerte. 

Musik gehörte schon immer zu mir dazu. Sie war Zuflucht und Halt für mich. Ich fand Trost in Texten, fühlte mich verstanden. Beim Musik hören in meinem Zimmer konnte ich einfach ich sein. Ich las mir Wissen an und kannte mich bald gut in Musikgeschichte und den Biografien meiner Lieblingsmusiker aus. Es interessierte mich, woher sie kamen und wie sie zu den Menschen wurden, die sie waren. Ich fühlte mich davon getröstet, dass viele Musiker aus kaputten Familien kamen und Außenseiter waren. Ich war nicht mehr alleine.

Irgendwann verlor ich den Bezug zu „meiner“ Musik. Sie verlor ihre Bedeutung für mich, wurde ein reines Konsumprodukt, ein Hintergrundgeräusch. Ich ging auf keine Konzerte mehr, weil ich niemanden hatte, der die gleiche Musik hörte wie ich. Texte und die Geschichten hinter der Musik interessierten mich nicht mehr. Ich verlor in dieser Zeit einen wichtigen Teil von mir selbst ohne es zu merken.

Im Herbst 2015 kam die Musik mit voller Wucht zurück in mein Leben. Kurz nach meiner Entlassung aus der psychosomatischen Klinik sah ich ein Interview mit Nicholas Müller im Fernsehen und hörte ihn „Lady Angst“ singen. Ich lud mir das Album sofort herunter und hörte es in Dauerschleife. Eine Show von „Von Brücken“ im Februar 2016 war dann auch mein erstes Konzert seit Jahren. Mein Mann hat mich begleitet, obwohl es nicht seine Musik ist. Seit dem sauge ich Musik auf wie ein Schwamm. Wie ein Verdurstender, dem jemand endlich eine Flasche Wasser reicht. Ich entdecke neue Bands, verliere mich wieder in Texten, kaufe Konzertkarten. Ich gröle, klatsche, tanze. Ich schleppe meinen Mann quer durch Deutschland dafür. Die Musik hat mir so sehr gefehlt, dass ich mich noch immer fühle wie ein Junkie auf Entzug. Ich habe es einfach zu lange zu sehr vermisst. Allein 2017 gehe ich auf 11 Konzerte.

Musik ist Lebenselixier für mich. Ein Verbündeter im Kampf gegen die Depression. Mutmacher, Zuflucht, Trost, Energiespender, Medizin. Sie verbindet mich wieder mit meinem Ich, bringt mich zurück zu mir selbst. Musik gibt mir einen Grund, um weiter zu machen. Sie fängt mich auf und hilft mir beim Aufstehen. Ich brauche sie einfach wie die Luft zum Atmen.

Alles Liebe
Anni

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