Dienstag, 22. August 2017

Familienbande?

Familie. Der sichere Hafen. Ein Ort der Liebe und Geborgenheit. Wo man sich morgens fröhlich um das Nutellaglas kabbelt und sonst alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Wo man zusammenhält, egal, was passiert. Soweit zumindest das Bild, dass uns Gesellschaft und die Medien gerne vermitteln.

Mir stößt dieses Bild der perfekten, heilen Familie auf. Es mag sie geben, natürlich. Und ich freue mich für jeden, der in einer solchen Familie aufwachsen durfte.
Doch, ganz ehrlich: Wie viele von uns hatten dieses Glück? Und bei wie vielen ist Familie stets etwas, das Schmerz in uns auslöst? Meiner Meinung nach viel zu viele.

Meine eigene Familie zum Beispiel war nie perfekt, nie heil, kein Zufluchtsort für mich. Da war zu viel Streit, zu wenig Verständnis, zu wenig Geborgenheit. Und nicht nur durch meine Mutter, sondern auch durch Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen. (Es geht hier übrigens immer um die Familie mütterlicherseits; der Familienzweig meines Vaters war und ist anders, aber leider weit weg.)
Als Kind hatte ich nie das Gefühl, dass meine Familie aus Menschen besteht, bei denen ich geliebt, anerkannt, willkommen bin. Ich lerne gerade, mich von den alten Strukturen zu lösen und mich nicht mehr von der Meinung und Anerkennung meiner Familie abhängig zu machen.

Der Weg dahin war lang. Und anstrengend. Aber es lohnt sich, ihn zu gehen. Am Samstag hatte ich bei der Geburtstagsfeier meiner Tante zum ersten Mal das Gefühl, nicht mehr mit aller Kraft dazugehören zu wollen und fast sogar froh zu sein, dass ich nicht so bin wie der Rest meiner Familie. Sie verlieren langsam ihre Macht über mich. Und das fühlte sich so befreiend an.

Früher dachte ich immer, ich muss eben mit dieser Familie klarkommen und mich anpassen. Dass Familie wichtig ist und dass man seine Verwandten mögen muss. Diesen Glaubenssatz konnte ich inzwischen fallen lassen. Nur, weil ich mit jemandem blutsverwandt bin, muss ich nicht mit ihm zurechtkommen oder so sein, wie er mich gerne hätte. Natürlich ist es schön, wenn man eine Familie hat, in der man sich wohl fühlt und die zusammenhält, weil sie es wirklich will und nicht aus reinem Pflichtgefühl. Aber ich habe so etwas eben nicht. Zumindest nicht bei allen Familienmitgliedern. Und das ist inzwischen für mich in Ordnung so.

Die Erinnerungen an meine Kindheit schmerzen mich allerdings noch oft. Ich wünsche mir, dass ich darauf den Blickwinkel irgendwann so verändern kann, dass es nicht mehr weh tut.
Und das wünsche ich allen, die keine Bilderbuch-Nutella-Familie hatten und haben.

Alles Liebe
Anni

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen